Multiples

Zum 10 jährigen Bestehen von aparté schufen die KünstlerInnen Multiples

Zum zehnjährigen Jubiläum wurde der Verein aparté von artgenève eingeladen, seine Künstlermonografien vorzustellen. Aparté lud seinerseits die von ihm geförderten Künstler ein, Multiples in 20-facher Ausführung zu gestalten. Sie sind Ausdruck ihres künstlerischen Schaffens und werfen ein Licht auf die Entwicklung ihres Werks seit ihrer ersten Begegnung mit dem Kommissar, der ihre Monografie erstellte.

Aparté nutzt die Gunst der Stunde, um die Arbeiten der Künstler nach dem Erscheinen ihrer ersten Monografie und deren öffentlichen Präsentation vorzustellen. Einige der Künstler beteiligen sich zum ersten Mal an einer Kunstmesse. Mit diesem Schritt erfüllt aparté eine seiner Aufgaben, nämlich Künstler mit grossem Potential einem weiteren Publikum bekannt zu machen. Die Freiheit, die den Künstlern belassen wurde, zeigt sich in der Verschiedenartigkeit der gezeigten Werke sowie der Vielfalt, die dem Auftragswerk innewohnt.

Die Herstellung der Multiples erfolgte unter der kundigen Leitung von Elisabeth Chardon. Ihre Erfahrung im Umgang mit der Herausgabe von Künstler Editionen –  etwa in Le Temps – bürgt für unsere Professionalität.


ALEXANDRE JOLY, Fougères-Cristal-Cactus et Amulette, 2018

Das Multiple lässt zwei Elemente in einen gegenseitigen Dialog treten: einen Poster und eine Halskette. Drei Bilder überlagern sich in diesem enigmatischen Bild, ein Kaktus, ein Farn und ein Kristall. Die Halskette setzt sich zusammen aus zwei Glöckchen – Alexander Joly’s Werk enthält oft sonore Elemente - und einem Strang Steinperlen. Dazu kommen fünf Nägel. Einer dient dazu, die Halskette auf den Poster zu heften, die vier anderen, um den Poster an die Wand zu fixieren. „Kann, aber muss nicht“, präzisiert der Künstler.

 A Joly

Fougères – Cristal – Cactus & Amulette, Farbdruck auf Mattpapier, 183 g/m2, Glöckchen, Steinperlen, Nägel, 80 x 53 cm

Alexandre Joly wird ebenfalls vertreten durch die Galerie Rosa Turetsky, Stand D 45


DONATELLA BERNARDI, Dolci libri, 2018

 

Dolci Libri ist eine Serie von zwanzig Buch Objekten aus Stoff im selben Format wie die aparté Monografie und bezieht sich explizit auf deren Format und Inhalt. Die völlig verschiedenen Buchumschläge der 20 Exemplare sind bestickt. Die verschlungenen Stickereigebilde erinnern an die zwei Gesichter des Buchumschlags von A la poursuite d’une hospitalité illimitée – so der Titel der mit Jacqueline Burckhardt konzipierten Monografie. Die Buchseiten des Multiple bestehen aus Stoffcoupons mit namentlich doppelseitig bedruckten Japanmustern. Dolci libri verweist auf das Werk von Maria Lai (1919 – 2013), einer Künstlerin aus Sardinien, die ebenfalls Bücher aus Stoff herstellte. Die Serie nimmt auch Bezug auf Carla Lonzi (1931 – 1982), die die zeitgenössische Kunst aufgab und sich dem Feminismus zuwandte. Diese radikale Haltung drückt sich hier weniger rigoros aus, wirkt sanfter und anschmiegsamer – wie ein Buch, das sich den Händen anpasst, die es hält.

 

Dolci libri, 2018, Buch aus Stoff, genäht, Faden, 23,4 x 16,6 cm


GENEVIÈVE FAVRE PETROFF, Totem, 2018

Die Begriffe „Einzigartigkeiten“ und „Obsolenszenz“ regten Geneviève Favre Petroff zum Nachdenken über ihre eigene Arbeit an: „Wie kann ich, auf meine eigene Art, Rechenschaft ablegen von der Zeit, die vergeht? Ich dachte an die Sanduhr, dieses zerbrechliche und spielerische Objekt mit dem gleitenden Sand, das uns anspricht, erfreut und fasziniert. Sie verkörpert eine Dimension, die sich uns entzieht und die wir dennoch beherrschen möchten. Sie verweist auf unsere biologische Natur, auf unsere inneren Organe und deren Verringerungen, an den flüssigen und gasförmigen Austausch, an das wechselnde Perpetuum alles Lebenden. Ich erblicke darin auch zwei durch die Luftröhre verbundene spiegelbildliche Köpfe, zwei verschiedene Facetten ein- und derselben Person.“

Unter dieser Prämisse arbeitete Geneviève Favre Petroff mit dem Glasbläser Claude Merkli zusammen und schuf eine kleine Skulptur in Anlehnung an vier Kopfbedeckungen, die sich auf eine Performance und ein Theaterkostüm beziehen.

 

Totem, 2018, geblasenes Glas auf Sockel aus Eichenholz, 12 x 12 x 56 cm


LAURENT FAULON, Cendriers, 2018

Cendriers (Aschenbecher) hinterfragt zwei archetypische Begriffe und betrachtet das Multiple einerseits als Ziergegenstand, als utilitaristisches Andenken an das Werk eines Künstlers (corpus), anderseits als Aschenbecher, der sich als Lernstück eines Töpferlehrlings entpuppt, und zwar, Laurent Faulon geht ironischerweise noch einen Schritt weiter, als misslungene Arbeit.Alle Aschenbecher variieren in ihrer Form, weil sie von Hand gefertigt sind und suggerieren einen gewissen Rückzug in die Kindheit, in die regressive Beschäftigung mit Tonerde. Der Verweis auf die Kindheit und auf das Basteln wird allerdings durchbrochen durch die jähe Brutalität der ausgedrückten Zigarettenstummel, wobei Laurent Faulon präzisiert: „In beiden Fällen geht es um ein „Tun als ob“. Ich tue so, als wäre ich ein Künstler, als würde ich Aschenbecher herstellen.“

Die Serie besteht aus zwei Teilen, eine davon ist mit einer Emailschicht überzogen.

Laurent Faulon, Cendriers, 2018, Tonerde, unemailiert & emailliert, Durchmesser 12 cm, Höhe 4 cm
Aufgestappelt auf Verpackung


MAXIME BONDU, Deep war Bobby’s first anniversary, 2018
MAXIME BONDU, Deep war Boris’ first anniversary, 2018

Deep War (2015) ist ein Computerexperiment, das Maxime Bondu in Zusammenarbeit mit Julien Griffit entwickelt hat. Ein mit LED ausgestattetes Quadrat stellte ein Schachbrett dar. Mit Hilfe einer Simulation konnte man zwei Programme verfolgen, die sich eine Schachpartie liefern. Wie so oft lehnt sich auch dieses Werk an eine historische Begebenheit an. Am 11. Mai 1996, in New York, nach einer Reihe von Partien, die Garry Kasparov 1996 gewann, ging Deep Blue, ein von IBM entwickelter Superkalkulator, als Sieger aus der Konfrontation hervor. Damit schlug die eigentliche Geburtsstunde der künstlichen Intelligenz und wurde als solche diskutiert. Tatsächlich opferte Deep Blue zu einem bestimmten Zeitpunkt einen Spieler. Kasparov war verunsichert. Fünfzehn Jahre später erklärte sich dieser Schachzug,  der einer „menschlichen“  Strategie zu entstammen schien, aus einem Programmierfehler. Deep War befasst sich mit dem Postulat der künstlichen Intelligenz und entwickelt ein Schachprogramm, in dem der Spieler aus seiner eigenen Erfahrung lernt, über erworbenes Wissen hinauszugehen.

In der Zwischenzeit hat das Projekt Depp War zwei ständig wachsende Datenbanken generiert, aus deren Fundus die beiden künstlichen Intelligenzen gegen einander Schach spielen: es gibt zwei verschiedene Wege, zwei Speicher, zwei andere Welten. Das Projekt Deep War, First Anniversary, 2018, ist eine grafische Visualisierung der Datenbanken. Alljährlich reaktualisiert, veranschaulicht das Programm mittels Algorithmen den jeweiligen Stand der Kenntnisse. Die von aparté vorgeschlagene Visualisierung erscheint in Form eines Digitaldrucks.

Maxime Bondu wird ebenfalls vertreten durch counter space, Stand D9

Maxime Bondu & Julien Griffit, Deep War Bobby’s first Anniversary, 2018, Tusche auf Papier, 73 x 73 cm, 15 Ex.,
Deep War Boris’ first Anniversary, 2018, Tusche auf Papier, 73 x 73 cm, 15 Ex.


SÉVERIN GUELPA, Talking Stick, 2018

Das Werk basiert auf der Idee des Sprachstocks, den die amerindianischen Völker verwenden, deren Vertreter als Erste das in der Mojave-Wüste gelegene Amboy betraten, wo der Künstler seine Matza gründete. Das Manifest fusst auf dem Gedanken einer gemeinschaftlichen Basis, die ihre eigenen Werkzeuge zu produzieren vermag. Der Taking Stick ist ein demokratisches Objekt, das jedem Mitglied der Gemeinschaft erlaubt, sich zu Wort zu melden und dieses öffentlich vorzutragen. Es wurde von verschiedenen westamerikanischen, namentlich emanzipatorischen Bewegungen übernommen. Séverin Guelpa verwendete es in Amboy für Gruppendiskussionen.

Séverin Guelpa, Talking Stick, 2018, Mischtechnik, 8 x 8 x 80 cm